Warum Technologie, wenn es auch einfacher geht?

Einige Apple-Freunde haben schon entdeckt, dass wieder ein neues Produkt auf dem Markt erschienen ist: die Achtsamkeit-App für iPhone und iPad!

Im Plum Village in Frankreich unterrichtet der vietnamesische Zen-Meister Thich-Nhat-Hanh (Thay) mit Liebe und Sorgfalt die Achtsamkeitspraxis. Dort steht die Achtsamkeit im Herzen der täglichen Praxis seiner buddhistischen Mönche und Nonnen. Auch Laien, die dort zu einem Besuch für einige Tage verweilen, werden in diese Praxis eingeführt und dann unterstützt.

 

Im Alltag, wann immer sie die Glocke klingen hören, halten sie einen Moment inne und achten auf den Atem, nehmen den gegenwärtigen Moment wahr und schenken sich selbst ein Lächeln. Die Glocke ist wie eine Erinnerung, ein Zeichen der Achtsamkeit. Und so lehrt uns Thy, wie wir die Achtsamkeit in unseren hektischen Alltag integrieren können. Wenn auf der Strasse die Ampel rot ist, sollen wir das wie die Glocke der Achtsamkeit interpretieren. Es bietet uns einen wunderbaren Moment zum Üben. Anstatt ungeduldig mit dem Fuss schon auf dem Gaspedal zu warten, können wir gelassen und achtsam atmen und uns selbst anlächeln. Oder wenn eine Zugbarriere hinuntergeht, beim Anblick des Sonnenaufganges, bei der Begegnung mit einer Wiesenblume. Dies sind Gelegenheiten, um zu uns und zu unserem Atem zurückzukehren. Unser Alltag ist hektisch und überlastet vom Tun und Haben. Wir rennen ständig und möchten, wenn wir könnten, schneller sein als die Zeit.

Wir leben in einem Zeitalter der Paradoxie, in dem nicht nur unser Tun, sondern auch unser Denken ein Wettrennen mit der Technologie macht.  Computer, Internet, iPhone, Smart-Phone, schnelle Autos, TV-Programme, soziale Netzwerke wie Facebook und andere, sie alle diktieren unser tägliches Programm und bestimmen unser Verhalten. Sie geben das Tempo vor, wie schnell wir uns bewegen und  wie schnell wir mitdenken und planen sollen. Unser Gehirn arbeitet auf Hochtouren. Die erste Paradoxie liegt darin, dass wir den Computer, das Internet oder den Fernseher abschalten können, nicht aber unser Gehirn. Es gibt keinen Knopf mit OFF, sondern es ist während der ganzen Zeit auf ON, und so arbeitet unser Geist 24 Stunden auf 24 Stunden.

Es ist wichtig, dass wir denken können. Aber wenn wir unsere Gedanken und Gefühle genauer unter die Lupe nehmen, werden wir feststellen, wie viele unnütze Dinge in unserem Gedankenfluss sind. Wenn wir unseren Geist nicht kontrollieren können, arbeitet er bis unsere Batterie am Limit ist,  und eines Tages werden wir vor einem Burnout oder einer Depression stehen oder sogar mittendrin sein. Erst dann werden wir nach dem OFF- Schalter schreien wie ein Ertrunkener nach einem Rettungsring.  Wird es dann nicht zu spät sein?

Im Deutschen heisst es: „jemand ist verloren in seinen Gedanken.“ Das ist, wenn der Körper hier ist, während der Geist woanders ist. Wenn Körper und Geist nicht zusammen sind, leben wir dann noch? Auch bei einem Toten ist der Geist nicht mehr beim Körper. Deshalb ist er aber nicht in seinen Gedanken verloren, sondern er ist schon tot. Wie oft erleben wir Momente, in denen wir in unseren Gedanken verloren sind? Wie oft  verpassen wir das jetzige Leben? Wir trinken Tee, aber unsere Gedanken sind woanders. Dann ist es nicht der Tee, den wir trinken, sondern etwas anderes. Wir sind nicht anwesend, und somit ist der Tee auch nicht anwesend.

Zurück zu unserer modernen Gesellschaft mit der modernen Technologie. Es gibt eine zweite Paradoxie. Diese zweite Paradoxie habe ich zu Beginn dieses Artikels erwähnt. Sie liegt darin, dass  man heute sogar technische Hilfsmittel erfunden hat, um den modernen Menschen zu einem kurzen Moment der Achtsamkeit zu zwingen. Und so lautet die Werbung für diese sogenannte „Achtsamkeit-App“  für iPhone und iPad:  „ein wunderbares Hilfsmittel, um bewusster in Ihrem Leben zu sein“.  Diese sorgt für eine Zwangspause, damit man nicht zu lange am PC sitzt, die Zeit vergisst und sich im Tun verliert. Mit dieser App bewegt sich die moderne Gesellschaft einen Schritt weiter in die Abhängigkeit der Technologie. Die Idee ist zwar wirtschaftlich gut, aber die Achtsamkeit kann man leider nicht kaufen, auch nicht mit einer App. Denn die Wurzel der Achtsamkeit liegt in einem erwachten Geist. Sie kommt nicht vom Aussen.

Es erinnert mich sehr an das, was sich in der westlichen Medizin mit Medikamenten abspielt. Wenn das erste Medikament Nebenwirkungen erzeugt, wird ein zweites verordnet, um die Nebenwirkungen des ersten zu beheben. Und wiederum ein drittes Mittel, um die Nebenwirkung des zweiten zu lindern. Und bald ein viertes, ein fünftes, und der Patient fragt sich, wann das wohl aufhört. Und doch hat er nicht den Mut, dem Arzt zu widersprechen. Am Schluss weiss der Patient nicht mehr, weswegen er ursprünglich zum Arzt gegangen ist.

Jetzt ist die Zeit, in der wir lernen sollten, achtsamer mit uns und mit dem Rund-um-uns umzugehen. Jetzt ist die Zeit, in der wir es selbst in die Hand nehmen sollten, etwas Gutes für unseren Körper und Geist zu tun. Durchbrechen wir diese Kette der Abhängigkeit. Denn die Samen der Achtsamkeit sind schon in uns. Wir müssen sie nur aussäen, sie bewässern, damit sie zu Pflanzen werden, die uns Blumen und Früchte schenken.

Und wie machen wir das? Wir brauchen keine exotischen Ferien zu buchen. Wir brauchen nicht irgendetwas hinterher zu rennen. Wir brauchen keine App! Das Einzige, was wir tun müssen, ist still zu sein und zu atmen.   Das ist alles!

Still sitzen und des Atems gewahr werden, das können wir zu jeder Zeit und überall tun. Einfach nur sitzen ohne Erwartung. Ohne Erwartung, dass wir etwas Aussergewöhnliches spüren oder dass wir zu etwas werden. Nein, wir sitzen einfach. Sitzen, um zu sitzen. Just simply sit. Non-Expectation. Das ist die Meditation im buddhistischen Sinne.

 

In Dankbarkeit an Thy*.

 

 

* Thy (viet.)= Zen Meister Thích-Nht-Hnh 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0