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Wellen und Wasser

Ich sitze hier auf einem Felsen am Meer. Vor mir liegt ein feiner weisser Sandstrand, keine einzige Spur, weder von Menschen noch von Tieren, ist zu sehen. Der Regen heute Morgen hat alle Spuren und allen Schmutz weggewaschen.

Die Oberfläche des Meeres ist im Augenblick sehr ruhig und still - eine heilige und mächtige Stille. Das Blau des Meeres wetteifert mit dem klaren Blau des Himmels, frei von jeglicher Wolke. In weiter Ferne, wo die Sicht endet, wo Himmel und Meer sich berühren, schimmert ein Lichtstreifen als Zeichen eines kommenden Überganges.

Ich richte mich auf, den Rücken gerade, und strecke gemütlich meine Beine nach unten. Leise und sanft stelle ich beide Füsse auf den Sand und spüre gleichzeitig seine Kühle und Frische in meine Fusssohlen eindringen und in jede Zelle meines Körpers übergehen. Ich lege meine Hand auf den Bauch, um das Aufsteigen und das Absenken mit dem Ein- und Ausatmen wahrzunehmen. Unerwartet kommt ein Wind auf. Er erfrischt meinen ganzen Körper und besänftigt die aufkommenden Gefühle. Während ich einatme, danke ich dem Wind. Während ich ausatme, lächle ich mit dem Wind.

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Der Wind surft auf dem Meer und lässt das Wasser vibrieren und schwingen. Ich sehe, wie die kleinen Wellen sich zu zeigen beginnen. Das Meer ist nicht mehr ruhig und still wie vorher. Der Wind hat zugenommen. Innerhalb wenige Augenblicke hat das Meer sich vollkommen verändert. Die Ruhe ist vorüber.

Von weitem eifert eine Welle nach der anderen in Richtung Strand. Im Sonnenschein tanzen die Wellen auf und ab, reflektieren das Licht wie glitzernde Sterne. Es sind grosse Wellen, kleine Wellen, lange Wellen, kurzen Welle ... Jede Welle meint, sie sei die wichtigste und müsse deshalb als erste ans Land ankommen. Alle Wellen versuchen sich in die Höhe zu strecken, um höher als alle anderen zu sein.

Mit flüsternder Stimme frage ich: "Wellen, warum rollt ihr da in Eile? Höher, schneller, schöner, mächtiger - wozu auch?" Die Wellen antworten alle gleichzeitig wie im Chor: "weil dies Leben ist und weil ich die Nummer 1, die Beste sein möchte!". Ich schüttle den Kopf und murmle: "Nur um einmal am Land angekommen, euch in Schaum zu verwandeln und wieder Wasser zu werden. Schnell oder langsam, hoch oder tief, am Ende werdet ihr wissen, dass ihr alle Wasser seid." Aber die Wellen begreifen es nicht. Vor allem die jungen winzigen Wellen, die noch weit draussen auf dem offenen Meer sind. Sie eifern den grossen nach und eilen vorwärts ans Land, um sich von der besten Seite zu präsentieren. Und so eifern sie weiter und nehmen keine Rücksicht aufeinander. Alle möchten höher sein, schneller, mächtiger sein und besser vorwärts rollen.

"Ach ihr lieben Wellen, wisst ihr, dass Wellen nur eine Manifestation einer äusserlichen Form sind? Jeder von euch denkt, ihr seid getrennt von den anderen und sucht nach etwas Speziellem ausserhalb von euch. Bis jetzt hat noch keine Welle gemerkt, dass sie aus Wasser ist. Aber spätestens nach dem Ankommen an Land. Das wahre Wesen steckt in euch selbst, sucht nicht ausserhalb."

Ich möchte am liebsten jedes Wort laut schreien, damit die verrückten Wellen es hören. Doch die Wellen, wie taube und geistig betrübte, fahren weiter, was sie bisher getan haben und bekämpfen einander weiter. Mein Mund und Hals sind trocken geworden, und wie erstickt finde ich keinen Atem und keine Kraft mehr, um etwas zu sagen. Jene hochmütigen Wellen werden je länger je wütender.

Nach einer Weile stelle ich fest: "Egal wie viel ich auch schreie, es nützt nichts." Ich strecke meine Hände dem Himmel entgegen wie ein Ertrunkener, der sich nach Hilfe streckt. Ich schaue den blauen Himmel an, der nun von schwarzen Wolken bedeckt ist. Verzweifelt flehe ich ihn an: "Ich wünsche den Wellen Frieden! Ich wünsche Frieden im ganzen Ozean!"

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Die Hände senkend schliesse ich die Augen. Ich möchte das Meer nicht mehr betrachten, ich möchte die Wellen nicht mehr sehen. Ich kehre zu mir zurück. Zurück zum Atem, zu Beginn bis zum Ende. Ich weiss selbst zu gut, das sind die restlichen letzten Atemzüge. Ich schenke meinem schwachen Atem volle Aufmerksamkeit und beginne jedes Ein- und Ausatmen zu zählen. Mein Bauch hebt und senkt sich in einem unregelmässigen Rhythmus, wie dem der Wellen.

Dann weiss ich nicht, wie lange es gedauert hat. Raum und Zeit scheinen eingefroren zu sein.

Der Wind hat aufgehört zu wehen.

Aber die dröhnenden Wellen klingen noch immer in den Ohren.

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Ich öffne langsam die Augen. Vor mir liegt ein feiner weisser Sandstrand, keine einzige Spur, weder von Menschen noch von Tieren, ist zu sehen. Der Regen von heute Morgen hat alle Spuren und allen Schmutz weggewaschen.

Das Meer ist in diesem Augenblick sehr ruhig und still - eine heilige und mächtige Stille. Das Blau des Meeres wetteifert mit dem klaren Blau des Himmels, frei von jeglicher Wolke. In weiter Ferne, wo die Sicht endet, wo Himmel und Meer sich berühren, schimmert ein Lichtstreifen als Zeichen einer vollkommenen Umwandlung.

Alle Dinge um mich herum, auch ich selbst, sind leer. Der weisse Sandstrand ist immer noch da, das blaue Meer ist immer noch da, ich bin noch hier, und trotzdem scheint es mir, etwas Wesentliches habe sich in Wirklichkeit verändert.

anitya

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(in Gedanken an meinen lieben Vater,  17.6.2017. Mögest Du selbst an jenem Tag ans Licht gegangen sein, Vater.)

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