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Leben und Sterben

Wenn ein Mensch geboren wird, wird er bestimmt irgendwann sterben (müssen). Das heisst, wir kommen zur Welt und werden irgendwann diese Welt auch wieder verlassen. Oder kennt Ihr einen Menschen, der unsterblich ist?

Eigentlich weiss es jeder und doch, über das Sterben oder über den Tod spricht niemand gern. In der vietnamesischen Kultur glaubt man sogar, dass es Unglück bringt, wenn man den Tod erwähnt. Also denkt man auch nicht daran, über den eigenen Tod zu reden. Sogar wenn sie im Sterben liegen, können einige dem Tod nicht ins Gesicht schauen.

Als ich jung war, gab es einige Tode in meiner Familie. Als ich zehn Jahre alt war, erkrankte eine meiner älteren Schwestern. Sie starb dann im Spital in der fernen Stadt. Einige Jahre später starben meine Grosseltern nacheinander. Aber ich war damals schon in der Schweiz und bekam nur die Nachricht mitgeteilt. Ich hatte auf der Distanz getrauert. Die Traurigkeit dauerte auch nur eine begrenzte Zeit. Die Endlichkeit ihrer Existenz war wie eine Abwesenheit durch eine Reise, so wie ich das Land verlassen habe und jetzt in einem fremden Land lebe. Ich war nicht am Ort und konnte ihr Sterben nicht begleiten. Den Tod hatte ich nicht "hautnah" miterlebt. Die heilige Atmosphäre am Sterbebett blieb mir fremd bis zum Sommer dieses Jahres 2017.

Der Monat Juni 2017 war ein turbulenter Monat mit allen möglichen Ereignissen des Lebens, die sich schon seit einem Jahr allmählich zur Manifestation anbahnen: zu Beginn des Jahres wurde die Gesundheit meines Vaters deutlich schlechter. Wir wussten alle, dass er bald sterben würde. Es war eine Frage von wenigen Monaten. Das Begleiten seiner letzten Lebensphase begann Anfang des Jahres und dauerte bis zu seinem Tod. Und so kamen im Monat Juni alle Ereignisse zusammen:

Am 3. Juni heiratete eine Nichte in Bern, während zwei ihrer Cousinen je ein Baby erwarteten. Und so kam am 5. Juni Elin und neun Tage danach, am 14. Juni, M-Khang zur Welt, um die Familienbande zu verstärken. Der 17. Juni war der Vatertag, den die Amerikaner feiern. An diesem Tag starb mein Vater. Zwei Jüngste kommen, um den Ältesten abzulösen. Zwei Kleine kamen durch eine Türe, während der Älteste daran war, aus dieser Welt durch eine andere Türe auszutreten. So wächst unsere Familie stetig. Sie wird nur grösser, niemals kleiner.

Geboren werden und sterben ist ein Versteckspiel, wir kommen durch eine Tür in diese Welt und treten bei einer anderen wieder aus, um diese Welt wieder zu verlassen. Was dazwischen passiert, nennt man "Lebensspanne". Der Unterschied zwischen Geburt und Tod liegt darin, dass man bei der Geburt auf Wochen genau weiss, wann der Termin ist. Beim Tod hingegen ist dies für die meisten Menschen ein Geheimnis. Wir wissen nicht, wann und wie wir sterben werden. Ob wir plötzlich sterben oder ob wir uns dem Tod allmählich nähern, wie bei meinem Vater. Ob wir jung oder alt sterben, friedlich oder schmerzvoll, das können wir nicht vorausschauen. Aber eines ist sicher, dem Tod können wir nicht ausweichen. Obwohl wir ihm nicht ausweichen können, tun wir alles, so gut es uns gelingt, um über ihn zu schweigen. Wir tun, als ob es uns nicht betrifft. Quasi "sterben tun andere, wir nicht".

Wir kommen zur Welt als Gast, wie ein Hotelgast. Irgendwann müssen wir das Hotel verlassen, um nach Hause zu gehen. Irgendwann müssen wir diese Welt verlassen, um zu unserer Heimat zurückzukehren. Vielleicht finden wir einen Trost in der Tatsache, dass man sich zu Hause oder in der Heimat meistens geborgener, geliebter und vertrauter fühlt als in der Fremde. Und wer weiss, vielleicht verlassen wir das Hotel, um zurück in ein Schloss oder Villa zu kehren.

Aber was hat all das zu bedeuten? Geboren werden und sterben? Wer sind wir denn eigentlich? Woher kommen wir? Und wohin gehen wir? Wozu sind wir hier? Fragen - die Du Dich irgendwann im Laufe Deines Lebens sicherlich schon einmal gestellt hast. Wir kommen, gehen wieder - und hinterlassen durch unsere Taten, unser Denken und unsere Worte Spuren zurück.

Welche Spuren möchtest Du zurücklassen?

 

Anitya

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