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OKTOBER: Die Natur und das Loslassen

Das Leben ist ein "Kommen-und-Gehen". Diese Einsicht stammt von einem Weisen und ich habe sie nun entlehnt für dieses Schreiben.

 

Du brauchst nur nach draussen in die Wälder zu gehen, durch die Felder zu streifen und Du wirst Dir bewusst, dass im Leben nichts beständig ist. "Kommen-und-Gehen" braucht es, damit etwas Neues entstehen kann.

Die Blätter der Bäume verfärben sich bereits in bunten Farben. Der Birke trägt ein gelbes Kleid; der Ginkgo leuchtet geradezu; die Ahornbäume singen von gelben bis hin zu orangen und Scharlachroten Tönen. Die Erle wagt sogar dunkel zu tragen, seine violett-rote Farbe wirkt ruhig, erhaben und doch etwas traugig; die Buche bleibt klassisch gelb, dann zuletzt ganz braun. Der Monat Oktober ist eine Farbensinfonie. Für einen Maler müsste dies ein grosses Vergnügen sein.

 

Manche Blätter sind schon zu Boden gefallen. Andere bleiben noch an den Ästen hängen. Sie warten auf einen Wirbelwind, der sie an einem Tanz auffordert. Der Baum selbst wird in diesem Moment seine Blätter tanzen lassen müssen, ein für alle Mal. 

Ein unerwarteter Sog, wie ein Dirigent mit dem Taktstock seiner Musiker den Einsatz gibt, lässt die Blätter gleichzeitig hochfliegen, und ich habe das Gefühl, mitfliegen zu wollen. Selbst die Blätter, die schon gefallen sind, erheben sich vom Boden und schliessen den anderen im Wirbeltanz an. Jedes Blatt eine eigene Melodie, eine eigene Choreographie und zusammen erfüllen sie den Himmel mit einem herrlichen sinfonischen Tanz. In solch einem Naturschauspiel kann ich mein inneres Kind nicht zurückhalten. Ich lasse es frei. Es hüpft und dreht sich, Arme in die Luft, um die Bäume zu umarmen, die tanzenden Blätter zu umarmen, den gütigen Himmel und sich selbst zu umarmen. Der Baum bleibt aber aufrecht und still, mit majestätischen Augen betrachtet er seine Blätter, die freudig dem Übergang entgegentanzen. Ein Tanz, um die Rückehr zur Mutter Ede anzunehmen.

 

Der Baum lässt seine Blätter jetzt gehen, und er weiss, die neuen werden bald wiederkommen. solange er noch lebt, hört dieses "Kommen-und-Gehen" nie auf. Der Baum steht immer solid und erhaben da, zu jeder Jahreszeit, ob in pfächtiger Blütentracht, mit Früchten und Herbstblättern bekleidet oder ganz nackt im kalten Winter. Der Baum ist geduldig und weise.

 

Anitya

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Ein Gedicht von Thầy Thích Nhất Hạnh, übersetzt aus dem Vietnamesischen:

  Achtsam

Vorbei an ein verlassenes Gässchen

überfüllt von fallenden Blättern

folge ich einen schmalen Weg

die Erde rot wie Lippen eines Kindes

plötzlich

gebe ich acht

in jedem Schritt, den ich setze.

 

 Cẩn Trọng

  Qua ngõ vắng

lá rụng đầy

 tôi theo con đường nhỏ

 đất hồng như môi son bé thơ

 bỗng nhiên

 tôi cẩn trọng

 từng bước chân đi

 

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